Ohne Grenzstation befinden wir uns plötzlich auf lettischen Strassen und stellen sofort einen entscheidenden Unterschied fest:
hier gibt es nur neun sogenannte A-Strassen, die unseren Bundesstraßen ähnlich sind. Biegt man auf kleinere Straßen ein, dann sind es sehr oft Schotterpisten, manchmal durchzogen mit Querrillen, die nur ein langsames Fortkommen ermöglichen und unser Kücheninventar zum Tanzen bringen.

In Liepaja machen wir einen ersten Halt und besuchen das ehemalige Militärgefängnis der Marine. Hier wurden während der Sowjetherrschaft Soldaten, meist wegen Disziplinarvergehen, bestraft.












Links eine fahrbare „Gasmaske“ für Säuglinge und Kleinkinder, rechts das Equipment für die highendige Beschallung der Gefangenen mit sowjetischem Militärgedudel.


Unser Guide macht sich eigentlich ganz gut als Anstaltsleiter.


Auch für Zerstreuung der Gattin war mittels Zeitschriften gesorgt.


Heutzutage kann man sich für eine Nacht in das Gefängnis einmieten und je nach Preiskategorie auf einer Holzpritsche mit oder ohne Matraze nächtigen. Auch einen entsprechenden Umgangston kann man dann erleben. Ob die ebenfalls angebotenen Scheinexekutionen gerne gebucht werden, wissen wir leider nicht. Man findet die Unterkunft tatsächlich bei booking.com unter Karosta Prison/Liepaja recht günstig ab 40 Euro pro Nacht.
Auch auf die hübschen Schlüsselanhänger haben wir trotz der moderaten Preisgestaltung verzichtet.


Die Offizierssiedlung Nahe des Gefängnisses ist in der Zwischenzeit dem Verfall preisgegeben.
Wir schlafen lieber in unserem Camper auf dem Campingplatz Kareli. Ein Platz auf einem privaten Grundstück direkt an der Ostsee.


Hier kann ich wieder kilometerweit am Strand entlanggehen und den Sonnenuntergang genießen.

Nicht mehr lange bis Mitsommer. Hier war noch um Mitternacht der Himmel über dem Meer dunkelrot.
Die Campingplatz Chefin legt uns einen Besuch in Kuldiga sehr ans Herz. Ein nettes Städtchen am Fluß Venta. Für unseren Stadtbummel reißt der Himmel sogar auf und wir bleiben trocken














Was hier aussieht wie ein tosender Wasserfall, ist nur eine kleine Staustufe, die man ausgestattet mit Anglerhosen leicht begehen kann und dann das ultimative Urlaubsfoto posten kann.
Für unseren Übernachtungsplatz müssen wir eine holprige Strasse durch den Wald nehmen und finden dann eine große Lichtung.


und das Haus von Siggi. Er kommt aus Deutschland, lebt schon viele Jahre hier und hat sich ein schönes Haus am See gebaut. Da er früher selbst als Camper unterwegs war, bietet er hier allen gegen eine Spende einen Übernachtungsplatz.
Bis nach Ventspils fahren wir mehr auf einer Piste als auf einer Strasse. Die Stadt lohnt sich vielleicht wegen der Kühe, die hier überall rumstehen




und wegen des guten Essens im Vindava


Bei Irbene führt uns der Weg durch verfallene Kasernen zur großen Radio-Teleskopstation, die den Sowjets zum Abhören von Telefongesprächen und Radiosendern im Westen gedient haben soll.


Beim Kap Kolka trifft die Rigaer Bucht auf die Ostsee und es ist der einzige Ort in Lettland wo man Sonnenaufgang und Sonnenuntergang über dem Meer von der gleichen Stelle aus erleben kann – wenn das Wetter mitspielt. Bei uns hat es das nicht. Trotzdem ein lohnenswerter Besuch.




Der kostenlose Parkplatz am Kap ist ein Hotspot für deutsche Camper. So nah aufeinander sind wir schon lange nicht mehr gestanden. Wahrscheinlich hoffen alle auf eine Wetteränderung.
Auf uns wartet die nächste baltische Hauptstadt. Wir entschließen uns den Stadtcampingplatz Riverside zu nutzen, von wo aus man mit dem Rad in 15 Minuten in der Altstadt von Riga ist.


Über diesen schmalen Weg auf der Brücke wird der gesamte Fußgänger- und Radverkehr in beide Richtungen abgewickelt. Besonders in der Rushhour kommt man sich hier sehr nahe.
Obwohl Ankerplatz des Kreuzfahrtschiffes einiges außerhalb der historischen Altstadt lag, war rechtzeitig zur Dinnertime das Schiffshorn überall zu hören. Für die Einheimischen meist eine Erlösung, da nun Tausende von Touristen zum Abendessen in ihre schwimmenden Bettenburgen zurücktrotten.


Das Schwarzhäupterhaus im Zentrum Rigas wurde in den 1990er Jahren originalgetreu wiederaufgebaut. Der Name geht auf eine Vereinigung deutscher Kaufleute in verschiedenen baltischen Städten zurück.

Übrigens wurde die Sherlock Holmes Filme in Riga gedreht und deshalb gibt es auch eine Kneipe zu Ehren der Filmfigur.




Die Skulptur Der Geist von Ieva Rubeze , die sich an der mittelalterlichen Stadtmauer nahe dem Schwedischen Tor befindet, ist erst elf Jahre alt. Die Geschichten unseres Guides dazu, spielen im Mittelalter.

Bremen schenkte ihrer Partnerstadt eine den Bremer Stadtmusikanten angelehnte Skulptur. Allerdings schauen die Tiere hier durch den geöffneten Eisernen Vorhang und die Gesichter der Tiere soll die Überraschung über dieses unerwartete Ereignis ausdrücken.
Der Rigaer Dom ist besonders wegen seiner Orgel bekannt und wir können einem Concerto piccolo lauschen, das in den Sommermonaten täglich um 12 Uhr stattfindet. Die Orgel wurde von einer Werkstatt in Ludwigsburg gebaut und besteht aus 6718 Pfeifen und 116 Registern.



Der Dom hat mehrmals in seiner Geschichte die Konfession gewechselt und während der sowjetischen Besatzung es vor allem als Konzertsaal gedient.





In der Urne befindet sich das Herz von Carl Gustav Jochmann, deutscher Autor und Philosoph, der von 1810 bis 1819 in Riga als Rechtsanwalt praktizierte. Er ist 1830 in Naumburg/Saale verstorben und gemäß seinem Wunsch wurde sein Herz nach Riga zu seinem „beloved Friend Sengbusch“ überstellt und die Urne kann nun im Kreuzgang des Doms beichtigt werden. Ob noch weitere Leute post mortem mit Organen von C. G. Jochmann beglückt wurden ist nicht überliefert.
In Riga finden wir auch wieder eine gute Bäckerei mit ausgezeichnetem Vollkornbrot. Und erst die Markthallen – Fisch, Gemüse, Obst in Hülle und Fülle.












Etwas beunruhigend, dass am Eingang der Markthallen explizit auf das Verbot von Schusswaffen hingewiesen wird. Geht man hier mit der Knarre Gemüse kaufen?
Abends gab es kalte Beetesuppe vor einer Bücherwand


und auch die Möwen interessierten sich für das übriggelassene Essen und ließen sich auch von den nahen Menschen nicht abschrecken.

So kurz vor Mittsommer finden sich in Riga oft Musikgruppen ein, die dann für Passanten oder einfach nur für sich spielen. Oder man schaut sich die trostlosen Spiele der WM an.




In Riga soll es an die 800 Jugendstilgebäude geben, die in der ganzen Stadt verteilt sind. Entlang der Alberta iela und ihrer Nebenstraßen wurden die Jugendstilhäuser innerhalb kürzester Zeit (zwischen 1901 und 1908) erbaut, die meisten von Michail Eisenstein. Im Internet fanden wir dazu folgende Beschreibung: „Gekonnt verdrehen die nackten Girlies unter den Balkonen ihre biegsamen Leiber, präsentieren ihre nackten Ärsche und die prächtigen Brüste…“ (wer mehr wissen will, kann es unter http://www.sirenen-und-heuler.de nachlesen). Entscheidet selbst.




Da das Wetter in den nächsten Tagen sommerliche Temperaturen erreichen soll, wollen wir raus aus der Stadt und fahren weiter entlang der Ostsee nach Norden.
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